Alter jüdischer Friedhof

Süd, Stadt Trier Weidegasse/Gilbertstraße
Beschreibung
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts angelegt, Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts erweitert, Umfassungsmauer ab 1827, Belegung bis 1920; 547 Grabstellen erkennbar, 446 davon mit Grabsteinen oder Resten von Grabsteinen, ältester von 1686. [1]

(Alter) Jüdischer Friedhof an der Weidegasse
Der Friedhof wurde zwischen 1620 und 1650 angelegt, als sich nach der Vertreibung des 15. Jahrhunderts wieder Juden in größerer Zahl in Trier angesiedelt hatten. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts lag er auf freiem Feld. Die Stadtpläne aus dieser Zeit zeigen nur wenige Häuser. Erst allmählich wird die Bebauung dichter, und um 1915 ist der Friedhof ganz von Häusern umgeben. Im Jahre 1920 entscheidet sich die jüdische Gemeinde zur Verlegung ihres Friedhofs auf das Areal des städtischen Friedhofs im Norden der Stadt. Im Jahre 1922 wird der Friedhof an der Weidegasse endgültig geschlossen. Zuletzt, während des ersten Weltkriegs, musste wegen Platzmangel sogar noch ein früher vorhandener Mittelweg Gräber aufnehmen.

Der alte jüdische Friedhof enthält eine große Menge denkmalwürdiger Grabsteine, die zum Teil leider nicht mehr lesbar sind. Begraben liegt hier auch der Großvater von Karl Marx, Mordechai Halevi (1743-1804), der als angesehener und hochgeachteter Rabbi die Trierer Judengemeinde betreute.

Wer den alten Friedhof betritt, stößt gleich rechts neben dem Ende des Steinpflasters, auf einen Grabstein von 1918, der in Anbetracht dessen, was später geschah erschüttern muss. Der Stein trägt in ausgeschriebener Form folgende Inschrift: Hier ruht in Frieden unser unvergesslicher einziger Sohn, Siegfried Wolff, Leutnant der Reserve und Kompanieführer im Infanterieregiment 296, Ritter des eisernen Kreuzes II. und I. Klasse, geb. 27.1.93, gestorben im Dienste für sein geliebtes Vaterland am 4.6.1918. Seine Eltern Max Wolff und Alwine geb. Cahn...

Der Vater des Kriegstoten, der diese Zeilen auf den Grabstein setzen ließ, weil er wohl auch sein Vaterland liebte, findet sich dann in einer anderen Urkunde wieder: auf einer jener zeitgenössischen Judenlisten, die Editha Bucher veröffentlicht hat: Wolff, Max, geb. 20. 5. 1867 Saarburg. Wohnung in Trier: Saarstraße 47. Polizeiliche Abmeldung: 27. 7. 1942 nach Böhmen-Mähren ... Mit 75 Jahren brachte man ihn also nach Theresienstadt, wo er schon am 31.8. des gleichen Jahres umkam. Wohl nur der Kriegstod von 1918 hat dem Sohn ein ähnlich grausames Schicksal erspart.

Der alte jüdische Friedhof an de Weidegasse wurde in den letzten Kriegsjahren nicht eingeebnet. Er überdauerte den Krieg, wenn auch in sehr mitgenommenem Zustand. Das städtische Friedhofsamt hat die altehrwürdige Grabstätte nach einer Vereinbarung mit der jüdischen Kultusgemeinde seit 1973 in Pflege übernommen und wieder hergerichtet. [2]

Jüdischer Friedhof Trier
Das Andenken an einen Gerechten gereiche zum Segen steht auf dem Grabstein von Mose Abraham zu lesen. Der Urgroßvater von Karl Marx ist auf dem jüdischen Friedhof von Trier mit anderen Vorfahren des Vaters des Kapitals begraben. Ein wenig windschief neigen sich die Steine zueinander, manche sind bis auf einen winzigen Rest im Boden versunken. Zwischendrin wächst ungezähmt das Gras. Nur nebenan im neueren Teil stehen die Grabmäler noch in Reih und Glied unter den hohen Lebensbäumen.

Der alte jüdische Friedhof von Trier ist ein stiller, malerischer Ort und ein höchst beredtes Zeugnis der Geschichte der jüdischen Gemeinde. Der Respekt vor dem Tod und der Begräbnisstätte ist tief Im jüdischen Glauben verwurzelt. Der Friedhof ist ein guter Ort, ein Haus für die Ewigkeit, in dem aller weltlicher Schrecken ein Ende hat. Gräber sind für Juden für alle Zeit unantastbar. Einebnungen und Verkäufe sind ausdrücklich verboten, Exhumierungen nur in seltensten Fällen erlaubt.

Auch Grabsteine stellen - anders als im Christentum - ursprünglich keine Denkmäler über den Tod hinaus dar. Sie sind schlichte Grenzsteine des Lebens. Mit der Zeit änderten sich die Bräuche. Die assimilierten deutschen Juden des 19. Jahrhunderts passten sich mehr und mehr christlichen Grablegungssitten an. Die Grabmäler wurden zusehends prächtiger, die

Inschriften, die einst nur Namen und Lebensdaten verzeichneten, wortreicher.

Der alte Trierer Friedhof in der Weidegasse entstand im 17. Jahrhundert. Bereits im Mittelalter soll er einen Vorgänger gehabt haben, an dessen Lage noch die Jüdemer Straße erinnert. Spuren einer jüdischen Gemeinde sind in Trier sogar bis ins 4. Chr. zurückzuverfolgen. Zum letzten Mal wurde der Friedhof an der Weidegasse 1922 belegt. Vor größeren Verwüstungen der Nationalsozialisten blieb er wie durch ein Wunder verschont.

Wer durch die stillen Steinreihen geht, hat viel zu sehen und Neues zu erfahren, etwa über jüdische Symbole wie die segnenden Hände, die den Toten als einen Nachkommen vom Stamme Aarons ausweisen. Abgebrochene Säulen, manche als naturalistische Bruchstücke des Lebensbaums gestaltet, weisen auf ein allzu kurzes Leben hin. Der mit dem steinernen Kranz verzierte Grabstein gebührte der Herrin des Hauses. Natürlich unterlagen Architektur und Formensprache der Grabsteine spätestens seit dem Barock dem Zeitgeist. So finden sich auch auf dem Trierer Friedhof zahllose Grabmäler, die in Neugotik und Neo-Renaissance das rückwärts gewandte bürgerliche Stilgefühl der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert repräsentieren. Selbstbewusstsein und Bürgerstolz signalisieren auch die polierten Obelisken. Wer ein jüdisches Grab besucht, nimmt keine Blumen mit, vielleicht einen Stein, den er zur Erinnerung an den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten auf das Gras legt. [3]

Um 1650 angelegt, in der Folgezeit erweitert, letzte Bestattung 1922, circa 146 Grabsteine im alten Teil, circa 400 im neueren, Gräber der Großeltern von Karl Marx. [4]

Literaturhinweis:
Haller, Annette: Der Jüdische Friedhof an der Weidegasse in Trier und die mittelalterlichen jüdischen Grabsteine im Rheinischen Landesmuseum Trier / Trier: Paulinus-Verl. 2003, XXIX, 384 S. : zahlr. Ill.
ISBN 3-7902-0490-0

Einordnung
Kategorie:
Naturobjekte / Parks, Gärten und Friedhöfe / Jüdische Friedhöfe
Zeit:
Zwischen 1620 und 1650
Epoche:
Renaissance

Lage
Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon: 6.632874
lat: 49.748259
Lagequalität der Koordinaten: Genau
Flurname: Ortslage

Internet
http://de.wikipedia.org/wiki/Trier-S%C3%BCd

Datenquellen
[1] Denkmalliste der Generaldirektion Kulturelles Erbe, Rheinland-Pfalz; 2010.
[2] Juden in Trier, Ausstellungskatalog der Stadtbibliothek und des Stadtarchivs Trier 1988.
[3] Eva-Maria Reuther in Trierischer Volksfreund 8./9. September 2001.
[4] Deutsche Stiftung Denkmalschutz 2003

Bildquellen
Bild 1: © Diana Wuytack, 2012.
Bild 2: © Diana Wuytack, 2012.
Bild 3: © Diana Wuytack, 2012.
Bild 4: © Diana Wuytack, 2012.
Bild 5: © Diana Wuytack, 2012.
Bild 6: © Diana Wuytack, 2012.

Stand
Letzte Bearbeitung: 22.07.2012
Interne ID: 1299
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