Gedenkstein für das Stollenunglück von 1945

Gerolstein, Stadt Gerolstein Kasselburger Weg 19
Beschreibung
Damals erstickten 51 Menschen in einem halbfertigen Stollen, als eine Bombe den einzigen Zugang traf. Die Toten wurden auf dem Ehrenfriedhof in einem Massengrab beigesetzt, dass Gefangene ausgehoben hatten.

Im Festjahr 2003, als Gerolstein die 50. Wiederkehr der Wiederverleihung seiner Stadtrechte feierte, ehrten wir diese Toten mit diesem Gedenkstein.

[Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.]

Inschrift:

ZUM GEDENKEN
AN DIE TOTEN DES STOLLENUNGLÜCKS
VOM 02. JANUAR 1945
SIE STARBEN, ALS BEI EINEM
SCHWEREN BOMBENANGRIFF AUF
GEROLSTEIN DER HAUPTEINGANG
DES LUFTSCHUTZSTOLLENS
GETROFFEN WURDE.

ZUR ERINNERUNG

AN DIE ZAHLREICHEN OPFER, DIE DER
ZWEITE WELTKRIEG IN UNSERER
HEIMATSTADT GEFORDERT HAT.

NOVEMBER 2003


Dr. med. Hans Luy über das Stollenunglück:
Wir befanden uns im "Jeeßdeppen" (Anmerkung Wilma Herzog: Es war nicht das "Jeeßdeppen", dies ist die höchstens 1-2 m. tiefe Ausbuchtung oben im Munterleyfelsen, von der Stadt aus sichtbar. Sie konnte nicht als Schutzhöhle genutzt werden. Nach der Erinnerung von Gertrud Becker, die im Postdienst den Menschen in den Höhlen die Post zustellte, nutzte nur die Familie von Dr. Luy und die von Förster Langner eine andere schmale Höhle, in die nur diese wenigen Menschen passten. Es gab darin einen bankähnlichen Fels, den Frau Luy mit ihrem Säugling als Bett nutzen konnte. Diese Höhle war nur mit einer Leiter zu erreichen. als ich die Aufforderung bekam, zum Bahnhofsgelände zu kommen, wo eine Bombe den Eingang eines Luftschutzstollens verschüttet habe. Die Bergungsarbeiten waren schon angelaufen. Man brauchte einen Arzt für, den Fall, dass noch Lebende geborgen werden könnten. Herr L., damals noch Medizinstudent, aber mein Assistent und vielseitiger Helfer, eilte mit mir zu der Unglücksstelle.
Die hohe Böschung unterhalb des Kasselburger Weges ist z. T. angeschüttete Erde. Im Umkreis des Bombeneinschlags war die Erde aufgelockert, so dass es immer wieder zu Erdrutschungen kam, wenn die wie besessen schaufelnden Pioniere ein Stück weiter gekommen waren. Ein Eisenbahn-Pionierbataillon lag in Hillesheim und war z. T. hierher zum Einsatz abkommandiert. Die Männer befanden sich in Gefahr, wurden zeitweilig abgelöst, und bis in die späte Nacht ging der Versuch, den Stollen durch Beseitigung der Erdmassen am Eingang freizulegen. Ein Stromaggregat gab helles Licht. In einem Schutzbunker der DB (es muss hier RB für Reichsbahn heißen. Wilma Herzog) für Bedienstete, der später bei Errichtung der Sporthalle überbaut wurde, hatte Herr Anton Maucher ("Kamellentunn") (Sein Geschäftshaus stand in der Bahnhofstraße. Als Karnevalsprinz warf er erstmals den Gerolsteiner Kindern von seinem Prinzenwagen großzügig Bonbons zu. Anmerkung Wilma Herzog). der Leiter des männlichen DRK, eine Rettungsstation aufgebaut: ein größeres Strohlager, auf einem Tisch Verbandzeug und Medikamente zur Schock- und Schmerzbehandlung. Ich hatte meine Notapotheke in meinem Rucksack sowieso immer bei mir. Es war eine bitterkalte Nacht, doch bei der inneren Erregung, in der man sich befand, achtete man nicht darauf. Ringsum im Flecken standen eine Anzahl Häuser in lodernden Flammen und brannten aus Löscharbeiten waren nicht möglich, da die Wasserleitung an vielen Stellen unterbrochen war. Auch konnte man kein Wasser aus der Kyll herauf pumpen, weil durchfahrende Panzer die liegenden Wasserschläuche zerfetzt hatten. Es war ein gespenstischer Anblick. Dazu mussten wir ja auch mit dem unberechenbaren Auftauchen von Nachtjägern rechnen, die gerade bei Hausbränden Maschinengewehrsalven hinein feuerten, um Löschmannschaften zu treffen oder zu verscheuchen.
Bei Morgengrauen war man noch nicht viel weiter gekommen, weil immer wieder Erde nachrutschte. Der Aufsicht führende Offizier schickte mich fort, da ich nicht mehr gebraucht würde. Er wolle nur noch versuchen, soweit an den Stollen heranzukommen, dass man eine Sonde - ein längeres Rohr mit spitzem Kopf und seitlichen Öffnungen - durch die lockere Erde durchstoßen könne, um dann zwei große Sauerstoff-Flaschen in den Stollen hinein zu blasen. Im Bereich des Stolleneingangs hatte man schon zwei Leichen gefunden, einen deutschen jungen Mann und einen Russen.
Am darauf folgenden Abend - es war schon dunkel - wurde ich wieder gerufen: man habe jetzt den Stollen erreicht. Auf Grund der negativen Erfahrungen der vergangenen Nacht hatten die Pioniere jetzt hoch oben in der Böschung einen Schacht gegraben, wie beim Brunnenbau, der mit starken Holzbohlen und Kanthölzern fachmännisch ausgebaut war. Herr Maucher hatte seine Rettungsstation wieder aufgebaut. Wir gingen zusammen an die Schachtöffnung. Man ließ gerade zwei Pioniere mit Gasmaske und Sauerstoffatemgerät an einem starken Seil hinab - ich schätze, etwa 6 m tief. Außer dem fehlenden Sauerstoff war im Stollen ein unerträglicher Gestank festgestellt worden. Von dem Lichtaggregat hatte man ein Kabel mit Lampe in den Stollen herabgelassen, eine andere Beleuchtung war an der kleinen Plattform an der Schachtöffnung. Kurz danach kam ein Zeichen von unten. Starke Männer zogen die Verschütteten an einem Seil hinauf. Oben stellten wir fest: tot oder noch lebend. Es wurden so 50 Menschen geborgen, davon noch sieben, lebend. Einer der ersten, die herauskamen, war ein Russe, der sofort tief atmete und mit seinen Kameraden sprach. Es waren für Hilfsdienste Russen nach hier befohlen worden. Wenn wir den Tod festgestellt hatten, wurde der Betreffende auf einer Bahre in das völlig ausgebrannte Gebäude der Güterabfertigung gebracht und dort in einer Reihe auf den Steinboden gelegt. Die noch lebenden kamen zunächst auf die Rettungsstation, bekamen Injektionen zur Wiederbelebung (Herz, Kreislauf, Atemzentrum), wurden in warme Wolldecken gewickelt und dann auf der Bahre von Russen zum Krankenhaus getragen. Auffallend war die Gesichtsveränderung der Geretteten: sie sahen uralt aus mit mumienartig verlederten und geschrumpften Gesichtern, wie über Knochen gespanntes Pergament. Vier der geretteten Eisenbahner starben nach kurzer Zeit. Lebend geborgen wurde noch ein junger Mann aus Lissingen, Josef Weber, der heute noch lebt und keinen wesentlichen Dauerschaden davongetragen hat. An die Vorgänge im Stollen konnte er sich nicht mehr erinnern, da er bei zunehmender Sauerstoffverknappung bald ohnmächtig und nachher bewusstlos geworden war. Ferner ein junges Mädchen aus Gerolstein, ebenfalls bewusstlos und ohne Verletzungen. Bei ihr stellten sich in den nächsten Tagen an vielen, immer symmetrischen Stellen beider Körperseiten zuerst Rötungen ein, dann Blasenbildungen und schließlich übelriechende Schwarzverfärbung größerer Gewebepartien, die sich dann bis zu fast faustgroßen Partien herauslösen ließen. Das Mädchen wurde in die Wohnung ihrer Tante in die Lindenstraße (Familie Brück) gebracht, wo ich sie fast jeden Abend, soweit es mir möglich war, besuchte. Dort traf ich dann auch oft mit Dechant Molter zusammen. Nach vielen Schmerzen, zuletzt benommen infolge Sepsis, starb sie dann, wenn ich mich recht erinnere, drei, Wochen später.
So ist heute als einziger Deutscher von den 52 Opfern des Stollens, Josef Weber noch am Leben.

[Dr. med. Hans Luy, datiert: 1980]


Der einzige Überlebende des Stollenunglücks berichtet

Am Dienstag, dem 02. Januar 1945 wurde in Gerolstein durch Bombenabwurf ein Luftschutzstollen verschüttet. 51 von 52 Menschen, die im Stollen waren, kamen dabei ums Leben. Der einzige Überlebende, Josef Weber, geb. am 21. März 1920, wohnhaft in Gerolstein-Lissingen, Prümer Straße, sagt darüber aus:

Als das Unglück geschah, war der Stollen noch im Bau. Er war von zwei Eingängen aus in den abschüssigen Berg hineingetrieben worden, in dessen halber Höhe der Kasselburger Weg verläuft. Die ersten etwa 5m des Stollens gingen gerade in den Berg hinein, also nach Norden. Dann folgte eine Wendung nach links, also westlich, etwa drei Meter.
Danach wurde die nördliche Richtung wieder aufgenommen, die aber bald in eine östliche Richtung überging, um mit dem Stück des Stollens zusammen zu stoßen, das von einem anderen Eingang aus, etwa 50 m vom ersten entfernt, in den Berg getrieben worden war. Die Stollengänge sollten also im Inneren zusammenstoßen, die Arbeit war aber noch nicht abgeschlossen. Der Stollen befand sich östlich der Güterabfertigung des Bahnhofs Gerolstein.
Ich hatte Bahnhofswache zusammen mit Herrn Berresheim und Herrn Weinreich. Auf deren Drängen hin ging auch ich beim Luftschutzalarm in den Stollen. Das war am Dienstag, dem 02.01.1945 zwischen 10,00 und 11.00 Uhr. Als Entwarnung kam, verließen wir den Stollen und sahen, dass es in den Sprudelwerken brannte. Bald kam aber ein neues Angriffszeichen, und wir suchten erneut den Stollen auf. Schon wenig später fiel eine Bombe genau vor den Eingang zum Stollen. Die Bombe verschüttete nicht nur den Eingang, sondern der Luftdruck richtete auch auf den ersten acht Metern des Stollens Schäden an. Da die Erdschicht über diesen ersten Metern entsprechend gering war, fielen hier Erdklumpen von oben herab, und die Stollenbretter stürzten zusammen. Herr Heusingfeldt, der dem Eingang am nächsten war, wurde durch den Luftdruck umgeworfen und durch die herab fallenden Erdmassen tödlich verletzt. Ich saß etwa an der Stelle, an der die Nordrichtung des Stollens wieder aufgenommen wurde, also etwa neun laufende Meter vom Eingang entfernt. Auch hier spürten wir noch starken Luftdruck, und ich wurde von der Bank, auf der ich saß, zu Boden geworfen. Es dauerte nicht lange, bis uns klar wurde: wir waren völlig abgeschnitten von der Außenwelt - wir waren verschüttet! Einer wollte eine Petroleumlampe anzünden; andere wehrten es ihm, denn sie verbrauche Sauerstoff. Herr Dussing hatte eine Dynamotaschenlampe. Damit machte er etwas Licht, um auf irgendeinen Zettel ein paar Zeilen für seine Frau zu schreiben, indem er ihr unsere Lage erklärte. Wir waren uns bewusst, dass die entscheidende Frage die der Sauerstoff Versorgung war. Den Sauerstoffmangel sahen wir bald plastisch vor uns: Herr Meyer (wohnhaft Kasselburger Weg - auch seine Frau war im Stollen) sank bewusstlos zusammen. Wir mussten ihn auf dem Boden liegen lassen. Ich saß zusammengekauert, möglichst reglos und schweigend auf einer Bank. Herr Berresheim sagte zu mir: "Jupp, bist du auch schon weg?" Solange ich bei Bewusstsein war, war es ziemlich ruhig im Stollen, es wurde wenig gesprochen. Wie lange es dauerte, bis ich das Bewusstsein verlor, weiß ich nicht, ich kann es nur schätzen auf drei bis vier Stunden. Als ich erwachte, befand ich mich in der Baracke des Krankenhauses und erfuhr, dass es Donnerstagmorgen war
Beim Zusammensinken im Stollen muss ich auf die rechte Seite gefallen sein, jedenfalls hatte ich an der rechten Hüfte und Schulter wie auch an der Innenseite des rechten Knies große blaue Flecken. Nach vier bis fünf Tagen bildeten sich Blasen, die sich dann Öffneten und noch monatelang eiterten. Das Fleisch an den Druckstellen war abgestorben und musste vom Arzt herausgeschnitten werden.
Erst jetzt erfuhr ich weitere Einzelheiten, die ich nicht mehr bewusst miterlebt habe. Von den 52 Personen - darunter einige Russen - waren sieben lebend aus dem Stollen herausgekommen; sie starben einer nach dem anderen. Als Fräulein Pauls (vom Sprudel) nach drei Wochen starb, war ich der einzig überlebende.
Man hatte versucht, durch Wegräumen der Erdmassen, die den Eingang zum Stollen versperrten, in das Innere des Stollens zu gelangen. Das erwies sich als unmöglich, da von oben her immer neue Erdmassen nachrutschten. Also gab es nur eine Möglichkeit: Vom Hang aus, von oberhalb des Eingangs ein Loch senkrecht in den Stollen voranzutreiben und so zu den Verschütteten vorzudringen. So geschah es. Mittels einer Leine wurde jemand in den Stollen herabgelassen, der die Verschütteten herausholte.
Die Rettungsarbeiten wurden unternommen von einem Räum- und Rettungskommando der Wehrmacht, das Fliegeruniform trug, also eine Spezialabteilung der Luftwaffe. Dieses Kommando war stationiert in Hillesheim. Es wurde erst am kommenden Tage, also Mittwoch, angefordert, so dass die Verschütteten erst dreißig Stunden nach dem Angriff teils lebend, teils tot geborgen wurden. Die Leute dieses Spezialkommandos waren alle nur bedingt kv (= kriegsverwendungsfähig Red.). Es war mit Spezialgeräten ausgerüstet. Auch ein Arzt gehörte zu diesem Kommando, derjenige, der mich nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus auf Hof Denkelseifen besuchte und ärztlich betreute. Leider habe ich ihn aus den Augen verloren. Ich möchte ihm gerne heute noch für seine Mühen danken.
Auf Bitten meines Vaters wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Bis zum März 1945 war ich auf dem Hof Denkelseifen. Dort waren insgesamt 48 Personen, davon 23 Kinder. Hierhin kam der Arzt mich besuchen und behandeln. Auf Denkelseifen erlebten wir auch den Einmarsch der Amerikaner, die mit einem ungeheuren Infanteriefeuer den Fluchtweg von Müllenborn nach Hinterhausen abzuschneiden versuchten.

[Josef Weber]


Anmerkungen: Wilma Herzog:
Am 2. Januar 1945 bombardierten 74 Fortress II Bomber (B 17) zwischen 10.59 und 11.48 Gerolstein. Abgeworfen wurden 392 Vierzentnerbomben, 664 Zweizentnerbomben und 138 Vierzentnerphosphorbomben.
Ein Pferdefuhrwerk transportierte die Toten aus dem Güterschuppen aufeinander liegend zum Ehrenfriedhof. Unter dem Schutz der Bäume hatten dort Kriegsgefangene die große Grube ausgehoben. Von irgendeiner Zeremonie ist mir nichts bekannt. Nur die Mutter einer Gerolsteinerin zimmerte selbst mit Hilfe eines Schreinerlehrlings eine sargähnliche Kiste aus Brettern, die ihr Dechant Molter zur Verfügung stellte, für ihre im Stollen umgekommene Tochter.

Einordnung
Kategorie:
Bau- und Kunstdenkmale / Marken und Male / Denkmale
Zeit:
2003
Epoche:
21. Jahrhundert

Lage
Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon: 6.663551
lat: 50.225021
Lagequalität der Koordinaten: Genau
Flurname: Ortslage

Internet
http://www.gerolstein.de/

Datenquellen
- Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.
- Dr. med Hans Luy
- Josef Weber

Bildquellen
Bild 1: © Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.
Bild 2: © Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.
Bild 3: Verbandsgemeindeverwaltung Gerolstein, Bauabteilung.

Stand
Letzte Bearbeitung: 12.03.2012
Interne ID: 24021
ObjektURL: https://kulturdb.de/einobjekt.php?id=24021
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