Ehemaliges Hotel Koch

Gerolstein, Stadt Gerolstein Hauptstraße 75
Beschreibung
Heute "Hotel Ratskeller", weil schräg gegenüber das frühere Rathaus war, das heutige Naturkundemuseum.

Mundartlich wurde das Haus "Ouermäschesch" genannt (Uhrmachers), der damalige Besitzer fertigte also Uhren an. Dort probte ab seiner Gründung der Gerolsteiner Männergesangverein, wohl bis in 1950er Jahre.


Ein erlesenes Festessen vor hundert Jahren in Gerolstein

Unter dem zerstörten Dach auf dem Speicher meines Elternhauses trotzte eine kleine Holzkiste allem Schnee und Frost im Kriegswinter 1944/1945.
Die alten Briefe und Fotoschätze unserer Familie fanden wir durch Feuchtigkeit ziemlich lädiert vor, dennoch blieben sie höchst interessant. Zumal sie mir heute diesen interessanten Rückblick hundert Jahre zurück erlauben.

Denn zwischen den Fotos befand sich diese alte Menükarte von 1911. Sie ist ein Dokument dafür, wie sehr man bis in den entfernten Winkel der Eifel Kaiser Wilhelm II verehrte, der am 27. Januar 1859 in Berlin geboren wurde. Sein Geburtstag war zum Nationalfeiertag erhoben. Besonders die Kinder freuten sich auf den Tag, weil sie dadurch sogar schulfrei hatten. Mir waren einige ältere Menschen bekannt, die noch vom Kaiserwecken sprachen, den sie als Kind an dessen Geburtstag erhalten hatten, ein seltener süßer Genuss in damaliger Zeit. Einige kannten sogar noch das Kindergedicht auswendig, das sie früher einmal an Kaisers Geburtstag vortragen durften:

Der Kaiser ist ein lieber Mann
und wohnet in Berlin,
und wär es nicht so weit von hier,
so lief ich heut noch hin
und was ich bei dem Kaiser wollt,
ich reicht ihm meine Hand
und reicht die schönsten Blumen ihm,
die ich im Garten fand und sagte dann:
"Aus treuer Lieb bring ich die Blumen dir!"
Und dann lief ich geschwind hinfort
und wär bald wieder hier.

Diesen Festtag könnte man sich in den Städten so vorstellen: Die Straßen sind festlich mit Girlanden und Fähnchen geschmückt, schwarz lackierte Kutschen gezogen von sorgsam gestriegelten Pferden bewegen sich im Schritt-Tempo. Froh gestimmt winken daraus edel gekleideten Menschen, durch warme Pelzdecken gegen die Kälte geschützt. Und so mancher Herr trägt als Sehhilfe natürlich das Monokel. Auf den Trottoirs am Arm der Herren trippeln in zierlichen Knöpfstiefelettchen Damen unter breitkrempigen Hüten, gekleidet in lange pelzverbrämte Mäntel, ihre Hände gewärmt von modischen Muffs. Die Herren tragen tragen natürlich Zylinder und Frack. Kaisers Geburtstag bot die optimale Gelegenheit Galauniformen und Orden zu zeigen, auch eine Schärpe war sehr angebracht, und ein Spazierstock mit Elfenbein- oder Silberknauf war ein anderes erlesenes Accessoire. Es ging zu diesem Festtag aber auch um den Spaß, zu sehen und gesehen zu werden. Man lauschte Platzkonzerten und Ansprachen. Überall wehten die Fahnen des Kaiserreichs, die Häuser waren geschmückt, oftmals mit des Kaisers Bild in einem Fenster umrahmt von Girlanden. Wer einen Balkon hatte, beobachtete von dort bei einem Glas Champagner die vorbei Flanierenden.
Die Gerolsteiner wurden tagtäglich an den Kaiser erinnert, und zwar seit 1907, dem Beginn der großräumigen Ausschachtungsarbeiten für die Erlöserkirche. Sie beobachteten die Fortschritte dieses erhabenen Prachtbaus. 1911 reckte er sich bereits in voller Höhe gegenüber dem Felsmassiv der Munterley. Die kostbare Innenausschmückung mit Goldmosaiken war in vollem Gange und es war schon bekannt, dass in zwei Jahren Kaiser Wilhelm II selbst nach Gerolstein reisen sollte, zu Einweihung der neuen Erlöserkirche. Darum plante man im Hotel Koch (später Ratskeller genannt) sehr sorgsam ein Festessen zum Geburtstag des Kaiser Wilhelm II und gab der Druckerei Heyer in Gerolstein den Auftrag die Menükarte zu drucken. Denn die Menschen, die so elegant flanierten, sollten auch erlesen speisen. Damit das Vergnügen ein komplettes wurde, bot man den Teilnehmern dieses Festmahls Weine aus dem Keller des Königlichen Kammerherrn Dr. Freiherr von Schorlemer Lieser an. Damit kam man an Kaisers Geburtstag dem Adel so nah, dass man durch den erlesenen Tropfen aus dessen Besitz, diesen sogar mit seiner Zunge schmecken konnte. [1]

Einordnung
Kategorie:
Bau- und Kunstdenkmale / Wirtschaft, Gewerbe und Verkehr / Versorgung, Gasthöfe, Hotels
Zeit:
Undatiert
Epoche:
Undatiert

Lage
Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon: 6.667318
lat: 50.22211
Lagequalität der Koordinaten: Genau
Flurname: Unter der Burg

Internet
http://www.gerolstein.de/

Datenquellen
[1] Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.

Bildquellen
Bild 1: © Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.
Bild 2: Sammlung Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.
Bild 3: Sammlung Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.
Bild 4: Sammlung Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.
Bild 5: Werbung von 1907. Sammlung Wilma Herzog, Gerolstein, 2012.
Bild 6: Nik. Koch jr.: Gerolstein und Umgebung, 1896. Sammlung Wilma Herzog, Gerolstein, 2014.

Stand
Letzte Bearbeitung: 01.12.2012
Interne ID: 25759
ObjektURL: https://kulturdb.de/einobjekt.php?id=25759
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