Henkersgässchen auch Schindergasse

Mitte-Gartenfeld, Stadt Trier Kutzbachstraße
Beschreibung
Das Henkersgässchen (heute Kutzbachstraße) war die Gasse zwischen dem Simeonstiftplatz und dem Pferdemarkt. Sie hat ihren Namen von den Henkern der Stadt Trier, die dort wohnten. In Trier ist der Beruf des Henkers seit dem Ende des 12. Jahrhunderts nachgewiesen.

Der Henker (lat. Carnifex) gehörte damals zu den "unehrenhaften" Berufen, wie "Wasenmeister" (= Abdecker), Schinder (= Abhäuter) oder Scharfrichter. Die Henker heirateten deshalb fast immer untereinander und die Söhne übten oft den Beruf des Vaters aus.

Am 13.4.1512 verkaufte Weber Ludwig als Momper (= Anwalt) der Eheleute Schneider Thiel von Boppard ein Haus mit Zubehör in der Henkersgasse neben dem Haus des Schaftrichters, den Eheleuten Hans von Echternach für 18 Gulden. [1]
Im 17. Jahrhundert war Johann Peter Raach Scharfrichter und Gerichtsdiener in Trier. Er war vor 1660 geboren und starb am 18.4.1739, begraben in der Karmeliterkirche. Er heiratete am 20.6.1688 in Trier Sank Gangolf die Barbara Back aus Trassem und hatte mit ihr in Trassen 3 und in Sankt Gangolf 2 weitere Kinder. Bei allen Kindern waren andere Henker, Schinder oder deren Frauen als Paten genannt. Nachfolger wurde sein Schwiegersohn Johann Philipp Dillenburg, er war als Scharfrichterknecht bei ihm tätig und hatte am 26.1.1676 die Tochter Catharina Barbara geheiratet. Er war Sohn des Scharfrichters der Vogtei Mettlach. Der Beruf blieb in der Familie. Sein Sohn Philipp Josef (1682 bis 15.1.1738) übernahm das Scharfrichteramt. Dessen Tochter Christina Barbara heiratete wieder einen Rach. Sein Enkel Johann Peter (1767 bis 1823) war dann Scharfrichter in Trier.[2] Ihm folgte sein Sohn Nikolaus im Amt. So waren die Raach’s rund 200 Jahre Scharfrichter in Trier. Mitglieder der Raach-Sippe waren außerdem in Echternach, Longwy, Freudenburg, Cochem und an weiteren Orten im Beruf tätig.

Später wurde die Gasse im Namen geteilt. Der untere Teil (zum Pferdemarkt) hieß weiter Henkersgässchen, der obere Teil (zum Simeonsstift) hieß dann Simeonstiftsgasse. Grund war, der untere Teil "des Henkersgässchens mit dem ganzen Pferdemarkt, dem Irrgässchen und der Teutschgasse gehörte zu Sankt Gangolf. An diese Pfarrei schließt sich der Immunitätsbezirk des Simeonstiftes an, welcher die Kirche Sankt Simeon, die Gredengasse und einen Teil des Henkersgässchens umfasst." [3]


1797 wohnte der wohl letzte Trierer Scharfrichter "Am Pferdsmarkt 1015".

Der "Nachrichter" kam nach dem Richter, zur Vollstreckung des Urteils = Scharfrichter. Weiterhin im Henkersgässchen lagen die beiden Häuser 1050 und 1051, die letztmalig 1848 dort genannt wurden.

Das "Henkerhaus" mit der Nr. 1050 gehörte 1837 noch dem Nachrichter Nikolaus Raach, der es vermietet hatte. 1853 gab es im Adressbuch kein Henkersgässchen mehr. Alle Häuser lagen nun an der Simeonstiftstraße.
Ab 1794 wurden die Todesurteile durch die Guillotine vollstreckt. Zwischen 1842 bis 1893 wurden in Trier nur 3 Hinrichtungen vollzogen. Zwei davon im Hof des Gefängnisses, eine öffentlich auf dem Palastparadeplatz. [4]
Ab 1943 wurde die Straße in Kutzbachstraße umbenannt, nach dem Trierer Konservator Friedrich Kutzbach.

Erst 1991 wurde die Todesstrafe aus der Landesverfassung gestrichen.

Jürgen Bier, Trier, 2021.

Seit 1943: Kutzbachstraße [5]

Einordnung
Kategorie:
Geschichte / Ortsname / Ortsgeschichte / Straßennamen
Zeit:
Circa 1100 bis circa 1500
Epoche:
Gotik

Lage
Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon: 6.639715
lat: 49.759560
Lagequalität der Koordinaten: Genau
Flurname: Ortslage

Internet
http://de.wikipedia.org/wiki/Trier-Mitte/Gartenfeld

Datenquellen
[1] Regester der in den Pfarrarchiven der Stadt Trier aufbewahrten Urkunden
[2] Kirchenbuch Trier St. Gangolf
[3] Erläuterungen zum geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz, W. Fabricius, 1913
[4] Trierischer Volksfreund 12.5.2011
[5] © Amt für Bodenmanagement und Geoinformation Trier. https://geoportal.trier.de/trier/index.php


Stand
Letzte Bearbeitung: 07.03.2021
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