Die Trierer "Himmelsleiter"

Trier-West/Pallien, Stadt Trier Markusberg
Beschreibung
Im Westen der Stadt Trier, am Fuß des Markusberges, beginnt ein Treppenaufstieg, der mit ca. 600 Stufen, und einer durchschnittlichen Steigung von 30 %, die längste und steilste Treppe weit und breit darstellt. Wo die Straße "Trierweilerweg" endet, beginnt der erste Teil, der nach überqueren des "Kuhweges" sich bis zum "Himmel" fortsetzt (so kommt es dem Wanderer vor). Über diese "Leiter" erreicht man zwar (leider) nicht den "Himmel", dafür aber die in 300 m üNN thronende neugotische Markuskapelle (1902 neu erbaut), womit schon mal die Richtung stimmt. Ein Besuch der Kapelle und ein unvergeßlicher Panoramablick auf Stadt und Umland, sind der irdische Lohn für den anspruchsvollen Aufstieg. [Bild 1]

Die Bezeichnung "Himmelsleiter" taucht erst nach dem 2. Weltkrieg auf. Aber es gab am Markusberg, genauer gesagt am Pulsberg, bereits früher eine "Himmelsleiter". Nach Errichtung der Mariensäule (1866) trug der dort hinauf führende Aufstieg diese Bezeichnung. Der obere Teil des Weges von der Wolfsgasse, vorbei an der Maria-Hilf-Kapelle, erbaut 1868, war als Treppe angelegt und führte im Volksmund die Bezeichnung "Himmelsleiter". (Arthur Fontane). [Bild 2: Himmelsleiter-Ansichtskarte von 1905]

Wegen hoher Unterhaltungskosten wurde dieser Weg im vergangenen Jahrhundert aufgegeben. Gleiches Schicksal droht heutzutage nun auch der, in der Bevölkerung weithin bekannten und beliebten Maria-Hilf-Kapelle. Seit 2015 ist der Weg dorthin vom Eigentümer, dem Bistum Trier, gesperrt. Als Ursache werden Schäden an einer Stützmauer angeführt, die aber nicht behoben werden. Sie wird dem Verfall preisgegeben.

Vorläufer der heutigen "Himmelsleiter", dem landschaftsprägenden Treppenaufstiegs am Osthang des Markusberges, ist eine uralte Wegverbindung von der Markuskapelle mit dem dazugehörenden Markushof zur Stadt. Das in alten Urkunden auch "Marxhof" bezeichnete Hofgut war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Eigentum des Trierer Klosters Sankt Annen. Den landwirtschaftlichen Betrieb versahen Hofleute, die mit ihrer Familie dort wohnten. Die kürzeste Verbindung zur Stadt führte über den Weg, der von der Höhe aus den "jähen Stich" (heute "Kuhweg") überquerte und in die heutige Eurenerstraße mündete. Es war ein steiler Fußpfad. Seine Benutzung war witterungsabhängig. Der weitere, dafür aber etwas sicherere Weg in die Stadt führte über den Bergkamm bis Neubüschhaus (heute Café Mohrenkopf) und von dort auf die Wegverbindung Trier-Trierweiler, talabwärts über den heutigen "Kuhweg" Richtung "Coblenzer-Staatsstraße" (heute Aachenerstraße) zur Römerbrücke.

Nach dem Verkauf des ehemaligen Hofgutes und weiterer Ländereien zu Beginn des 19.Jahrhunderts, begann die eigentliche Besiedlung der Berghöhe, damit nahm auch die Bedeutung des Weges zu. Im Jahre 1844 lebte die aus alten Zeiten überlieferte jährliche Wallfahrt wieder auf. Es strömten während der Markusoktav und dem Kirmestreiben die Trierer dorthin - auch über "die steilsten und gefährlichsten Pfade" (Theodor von Haupt 1861). [Foto 3: Skizze 1859 - Verlauf Fußpfad].

1858 war die Bevölkerung auf 64 Personen, darunter 30 Kinder bis 14 Jahre, gestiegen. Für die schulpflichtigen Kinder war der steile Weg ins Schulhaus an der Hornstraße obligatorisch. (Einwohnerzählung 1858). Die Bevölkerung wuchs weiter, auch durch die zunehmende Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es gab Arbeit in den neu entstandenen Unternehmen auf der nahen westlichen Stadtseite. (Elektrizitätswerk, Trierer Bahnhof, Eisenbahn-Reparaturwerkstätten). Der steile Weg von der Kapelle ins Tal dürfte wohl oft als Abkürzung genutzt worden sein. Der Ausbau mit Treppenstufen ist nicht fest datierbar, mutmaßlich war er Ende der 1890iger Jahre. Jahre, in denen auch große Kasernenprojekte verwirklicht wurden, wie 1899 die Städtische Kaserne am Trierweilerweg. Selbst der untere Teil der Straße "Trierweilerweg" war erst 1895 fertig. Der Fußweg zwischen Kapelle und Tal, der durch Hangwiesen führte, war bisher dahin lediglich eine gelegentliche Abkürzung; nun steigerte der Ausbau mit Stufen seine Qualität und Nutzbarkeit. Für die Menschen auf der Höhe, aber besonders für die Bewohner des Haus Nr. 4, gewann der Weg nun erheblich an Bedeutung. Dieses Haus stand dort, wo die "Himmelsleiter" nach einem langen, steilen , durchgehenden Treppenstück, einen scharfen Knick nach rechts macht. (Foto 4: Aufstieg mit "Hettinger-Haus" um 1900 (Ausschnitt)]

Ein Foto von Ferdinand Emmerich Laven (datiert 1906) zeigt, was heute kaum vorstellbar ist, ein an dieser Stelle stehendes, zweigeschossiges Wohnhaus. Von 1949 bis zum Abriss 1972/73 wohnte dort die Familie Hettinger. Das "Hettinger-Haus" - Markusberg 4 - trug vor der Neunummerierung im Jahr 1908 die Haus Nr. 188/Section IV. Diese Hausnummer ist bis ins Jahr 1851 rückverfolgbar. Laut Trierer Adreßbuch von 1851 wohnte dort die Tagelöhnerin Elisabetha Hartung. Die Einwohnerzählung 1852 führte die Witwe Cleemann als Eigentümer des unbewohnten Hauses auf. Bei der Einwohnerzählung 1855 lebte an dieser Stelle Johann Henning mit seiner siebenköpfigen Familie. Lange vor dem Treppenausbau haben an diesem "Knick" Menschen gelebt. Ein hartes Leben - man denke nur an die Wasserversorgung! Wie für alle anderen Familien am Kuhweg, war die nächste Wasserquelle der Heidenborn. Ein Anschluß an das städtische Wassernetz erfolgte erst 1937.

Im Jahr 1908 war der Treppen-Aufstieg aber schon wieder in einem "armseligen" Zustand und bedurfte dringend "(….) einer weiteren Ausbesserung des Weges zur Markuskapelle", so der Postbote Matthias Adam, der seit 1903 auf dem Markusberg wohnte. Zusammen mit 13 weiteren Anwohnern ersuchte er die "hochlöbliche Stadtverwaltung" um Abhilfe. Aus seiner Eingabe geht die Bedeutung des Treppenweges eindrücklich hervor:
1. Sieben Schulkinder müssen den armseligen Weg 4mal im Tage zur Schule laufen.
2. Fünfzehn Personen haben ihre Arbeit in der Stadt und müssen meistens bei Dunkelheit den schlechten Weg laufen.
3. Sämtliche Produkte, welche in den Haushaltungen gebraucht werden an Milch und allen anderen Sachen müssen rauf, beziehungsweise herunter getragen werden.
4. Das allerschlimmste der Sache ist, wird ein Arzt oder sonst eine Hilfe zur Geburt gebraucht…

Das Schulhaus an der Hornstraße war für die Markusberger Kinder über die Treppenverbindung auf kürzestem Wege erreichbar und wie aus der Eingabe von Matthias Adam (1908) ersichtlich - viermal am Tag!

Auf Grund der Eingabe faßte die Stadtverwaltung den Beschluss, den „TREPPENWEG“ zu "regulieren". 1908 taucht damit erstmals die Bezeichnung TREPPENWEG auf.

Auch mit Errichtung der neuen Volksschule im Trierweilerweg (1925), blieb die "Himmelsleiter" bis in die 1960iger Jahre der tägliche Schulweg für die Markusberger Schulkinder. Zunehmende Motorisierung und eine Buslinie in die Stadt, nahmen dem Treppenweg die Bedeutung für den Alltag der Markusberger.
(Foto 5+6: Treppenanlage 2022 )

Wanderer und Ausflügler waren in der Folgezeit die Nutzer des Treppenweges. Waren doch Gasthaus, Kapelle und der Blick auf Trier, lohnenswerte Ziele.

2002 wurde dann die "Himmelsleiter", als Herausforderung, durch den Sport entdeckt. Der Ironman-Club Trier veranstaltete über Jahre die Himmelsleiter-Treppenläufe, die bereits 2003 internationale Besetzung aufwiesen. So siegte der Pole Kazarowicz, der zuvor bereits Vierter beim "Empire State Building Run up" in New York war. Er stellte den Streckenrekord von 4:25 Minuten auf, später unterboten von Philipp Klaeren mit 4:22 Minuten. Seit 2013 ist der Treppenweg aus Gründen der Verkehrssicherheit gesperrt. In der Bürgerschaft besteht jedoch ein großes Interesse an der Erhaltung und Freigabe der "Himmelsleiter". Beispiele sind die Übernahme einer Patenschaft (2021) durch die Kurfürst-Balduin-Realschule-plus und Privat-Engagement von Bürgern zum allernötigsten Erhalt der Anlage. Es sind Bemühungen zur Freigabe im Gange. [1]

Einordnung
Kategorie:
Geschichte / Ortsname / Ortsgeschichte / Straßennamen
Zeit:
1868
Epoche:
Historismus / Jugendstil

Lage
Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon: 6.614701
lat: 49.755631
Lagequalität der Koordinaten: Genau
Flurname: Aufm Markusberg

Internet
http://de.wikipedia.org/wiki/Trier-West/Pallien

Datenquellen
[1] Albert Bebelaar, Trier, 2022 und Stadtarchiv Trier.

Bildquellen
Bild 1: Geodaten von OpenStreetMap die freie Weltkarte. www.openstreetmap.org/copyright
Bild 2: Himmelsleiter-Ansichtskarte 1905, Sammlung Albert Bebelaar, 2022.
Bild 3: Sammlung Albert Bebelaar, 2022.
Bild 4: Ferdinand Emmerich Laven. Sammlung Albert Bebelaar, 2022.
Bild 5: © Albert Bebelaar, Trier, 2022.
Bild 6: © Albert Bebelaar, Trier, 2022.

Stand
Letzte Bearbeitung: 27.01.2022
Interne ID: 51561
ObjektURL: https://kulturdb.de/einobjekt.php?id=51561
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