Wüstung Allscheid (2)

Steiningen, Gemeinde Steiningen
Beschreibung
Vor 130 Jahren stand hier ein Dorf

Die Geschichte des Eifeldorfes Allscheid

Adolf Molitor

Bis zum Jahre 1852 gehörte zum Gemeindeverband Steiningen das Dorf Allscheid, ein Ort von 80 Einwohnern, auf halbem Wege von Steiningen nach Darscheid gelegen. 18 Häuser zählte das Dorf. Bereits in den Jahren 1847 und 1848 ist im Steininger Gemeinderegister wiederholt von der Bettelarmut des Dorfes Allscheid die Rede. Fast aller Privatbesitz war an Steininger Landwirte verschuldet. So kam der Wunsch auf, das Dorf Allscheid aufzukaufen und vom Erdboden verschwinden zu lassen, zumal die Bewohner erklärt hatten, sie würden nach Amerika auswandern.

In einem Gemeinderatsbeschluß vom 22. Mai 1852 wurde das Schicksal des Dorfes Allscheid besiegelt. Die Gemeinde Steiningen kauft das gesamte Dorf. Die Bewohner von Allscheid verpflichten sich, nach Amerika auszuwandern. Der Gutsbesitzer Nikolaus Hölzer aus Daun bringt die Auwanderer zum Hafen nach Rotterdam. Nach Verlassen des Ortes werden alle, die den Ort bildenden Gebäulichkeiten niedergerissen, um ferneres Ansiedeln unmöglich zu machen. Die Chronik schließt mit dem Satz: Ob die Allscheider in der neuen Welt angekommen sind, ob sie ihr Glück gemacht haben, weiß niemand; denn seit ihrem Abzug hat man nie wieder etwas von ihnen gehört.

100 Jahre später...

Die Erinnerung an Allscheid blieb lebendig, weil drei Allscheider Familien nach Steiningen übergesiedelt waren und — weil der blinde Leiermann Johann Sadler, 1851 in Allscheid geboren, von Haus zu Haus zog und die Geschichte des verschwundenen Dorfes erzählte und — weil Klaus Mark aus Brockscheid das Bühnenspiel Das tote Dorf geschrieben hatte. Eine Artikelserie im Trierischen Volksfreund im Jahre 1952 machte den Südwestfunk auf die interessante Geschichte aufmerksam. In einer Sendung über das tote Dorf wurde Allscheid wieder lebendig und mit dem Satz aus der Chronik, daß man von den Allscheidern nie mehr etwas gehört habe, war der 75jährige Josef Hab aus Steiningen nicht einverstanden. Er wußte sich an einen Brief von Allscheidern aus Amerika zu erinnern. Wo aber war das Beweisstück?

Ein Privatdetektiv und der Zufall

Zwei Jahre nach der Rundfunksendung fand Josef Hab den Brief, an den er sich erinnert hatte. Er war ein echter Beweis, denn die Briefschreiberin Maria Gertrud Dreis, eine ehemalige Allscheiderin, lebte in Sankt Paul, Minnesota und schrieb am 11. Mai 1890 an Hubert Weber unter anderem folgendes: Wir sind froh, daß wir nach Amerika gegangen sind . . . Im Jahre 1956 interessiert sich der Privatdetektiv Leslie Martin Dreis aus Long Beach in Kalifornien für Deutschland, weil sein Sohn dort als Soldat stationiert ist. Beim Studium einer Karte entdeckt er den Ort Dreis. Er kombiniert: Dreis ein Ort. Dreis — mein Name, könnte es da einen Zusammenhang geben? Er schreibt an den Bürgermeister der Gemeinde Dreis im Rheinland. Zufällig passiert nun folgendes: Der Brief geht an den Bürgermeister von Dreis im Kreise Daun, der gibt ihn weiter, um ihn übersetzenn zu lassen, er gerät an Ernst Dreis, dann landet er in Steiningen, wo es ja einen Brief einer Allscheiderin mit Namen Dreis gibt. Die schnell aufgenommene Verbindung mit dem Privatdetektiv aus Long Beach ergibt: Die Briefschreiberin aus Sankt Paul Minnesota ist seine Urgroßmutter.

In der Heimat der Vorfahren ...

Im Mai 1958 kam Leslie Martin Dreis aus Long Beach nach Steiningen. Man bereitete ihm einen herzlichen Empfang. Seine Urgroßmutter hatte am 11. Mai 1890 geschrieben: Ich möchte doch auf ein paar Tage bei Euch sein, um Euch wiederzusehen, um von alten Zeiten zu sprechen. Mit unvergeßlichen Eindrücken und einem Gemälde von Allscheid kehrte der Amerikaner nach Kalifornien zurück. In einer Zeitung in Long Beach präsentierte er sich mit dem Bild und der Story SOLVES OLD EUROPE MYSTERY L. B. Sleuth Finds lost Townsfolk (Long Beacher Schnüffelnase findet verlorene Landsleute) [1]

Einordnung
Kategorie:
Archäologische Denkmale / Siedlungswesen / Wüstungen
Zeit:
1852
Epoche:
Historismus / Jugendstil

Lage
Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon: 6.904067
lat: 50.193410
Lagequalität der Koordinaten: Genau
Flurname: Dorf Allscheid

Internet
http://www.jahrbuch-daun.de/VT/hjb1983/hjb1983.85.htm

Datenquellen
[1] Adolf Molitor im Kreisjahrbuch Daun von 1983 und www.steiningen.de/Allscheid/allscheid.html
[2] Kartenaufnahme der Rheinlande - durch Tranchot und von Müfflng, Blatt 156, Jahrgang 1810/11, Aufnahme: Capitaine Ing. Geograph 2. Klasse M. Ribet.

Bildquellen
Bild 1: Homepage der Gemeinde Steiningen www.steiningen.de
Bild 2: Homepage der Gemeinde Steiningen www.steiningen.de

Stand
Letzte Bearbeitung: 12.10.2019
Interne ID: 5824
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