Ortsgeschichte Affler

Affler, Gemeinde Affler
Beschreibung
Zum Ende der Feudalzeit (1794/95) gehörte der Ort zur Herrschaft Dasburg. Anzunehmen ist, daß Affler älteren Ursprungs ist. Später zählten Affler und Übereisenbach zur Meierei Daleiden in der Grafschaft Vianden. Im Jahre 1848 wohnten hier 56in 8 Wohnhäusern. Der Ort ist Filiale der Pfarrei Preischeid.


Affler in der Eifel: Sieht so Deutschlands Zukunft aus?

Ein Dorf geht in Rente
Von unserem Mitarbeiter Henning Sussebach

Kahl gewehte Bergkuppen, dann eine Kurve, dahinter ein Ortseingangsschild, auf dem Affler steht. Eine kleine Kapelle, ein Hund auf der Straße, ein alter Bauernhof, noch einer, elf Häuser insgesamt, und unter Apfelbäumen das Ortsausgangsschild. Das ist Affler.
Hinter dem Fenster in der Dorfstraße Nummer 4 sitzen drei Menschen im Licht einer schweren Deckenlampe, zwei Frauen, ein Mann. Der Mann heißt Herbert Steins, er ist der Ortsvorsteher, vor ihm auf dem Tisch liegt ein Stapel Blätter. Neben ihm sitzen seine Frau Irmgard und in einem blauen Kittel ihre Mutter, Mathilde Diederich. Sie haben ein Fotoalbum bereitgelegt. Steins sagt: Wir sind die Letzten, die hier im Dorf geheiratet haben. Seine Frau sagt: Dieses Jahr haben wir Silberhochzeit. Neulich haben sie im Fernsehen die Regierung und die Opposition über die Rente streiten sehen; darüber, was man tun soll, wenn es irgendwann nur noch Alte gibt. Irgendwann? Steins setzt seine Brille auf und liest aus seinem Stapel vor: Affler, Landkreis Bitburg-Prüm, Rheinland-Pfalz. Einwohner: 39. Menschen über siebzig: 12. Minderjährige: 0.
Neununddreißig, zwölf, null. Anders als im Bundestag war das eher kurz und sachlich. Aber was soll Steins groß sagen? In Affler ist die Zukunft, von der die Politiker in Berlin ängstlich reden, schon Gegenwart. Herbert und Irmgard Steins sind nicht nur die Letzten, die geheiratet haben in Affler; sie waren auch die Letzten, die ein Kind bekamen. Vor zwanzig Jahren. Haben wir auch nicht gedacht, dass Christian der Letzte sein würde, sagt Frau Steins. Ihr Mann nickt.
Frau Steins schlägt das Album auf. Hier, sagt sie, Christians Taufe. Man sieht den Fotos an, dass sie entstanden, als Helmut Schmidt Bundeskanzler war. Christians Jugend muss langweilig gewesen sein. An Fasnacht steht ein einsamer Cowboy auf den Landstraßen der Eifel. Jetzt ist das letzte Kind von Affler weg, zur Bundeswehr.
In Deutschland bekommt jede Frau durchschnittlich 1,2 Kinder, bei 2,1 müsste der Schnitt liegen, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. So aber sinkt sie, und das merkt man in den Dörfern eher als in den Städten.
Mathilde Diederich kam 1926 in Affler zur Welt, dreißig Kinder waren wir hier. Das Dorf hatte eine eigene Hebamme, Susanna, Frau Diederich weiß den Namen noch. Jahr für Jahr schlug zu den Taufen in der Kapelle hell die kleine Glocke an. 30 Kinder, die konnten herrlich miteinander spielen. Spielen? Ach. Das Vieh hüten mussten wir. Und nun, noch einmal ein Neugeborenes in Affler schreien hören? Ach, sagt sie, das wäre schön. Mathilde Diederich sieht die Sache so: Ihr Dorf hat den Krieg überlebt, den Hunger danach, aber die modernen Zeiten lassen es sterben.
Wenn es so weitergeht in Affler und in Deutschland, das haben die Statistiker errechnet, wird das Land im Jahr 2050 nur noch 55 Millionenhaben und 2100 nur noch 30 Millionen. Davor werden Vermieter ihre Wohnungen nicht mehr los, Gemeinden schließen erst die Kindergärten, dann die Schulen, die letzten Kinder werden immer weitere Wege haben. Zuerst werden die Dörfer aufgegeben - weil kein Mensch allein zwischen verlassenen Höfen leben will.
Es ist kurz vor sieben am nächsten Morgen, als Erwin Bormes im Nachbarort Rodershausen in seinen Schulbus steigt. Bormes ist sechzig Jahre alt und kann Geschichten erzählen, vor allem von den 30 Jahren, die er schon über die Dörfer fährt, um die Kinder in die Schulen zu bringen. In die einzige Schule vielmehr, sagt Bormes, als er auf die Hauptstraße biegt. Früher lagen vier Grundschulen auf seiner Strecke, jetzt ist es nur noch eine.
Siebzig Kilometer haben Bormes und sein leerer Bus vor sich. Die erste Haltestelle ist Preischeid. Bormes hält neben der Kirche, die Tür lässt er zu. Hier hatte ich jahrelang eine Realschülerin, sagt er, aber die ist jetzt fertig. Vier Minuten bleibt Bormes stehen, sonst wäre er zu schnell und käme zu früh zum nächsten Ort, wo wieder keiner wartet. Der nächste Ort ist nämlich Affler. In Übereisenbach steigen fünf Kinder ein. Ein Dorf nach dem anderen gleitet vorbei, in Gemünd steigen noch einmal fünf Kinder ein. Das war's dann. Eine halbe Stunde später hält Bormes auf dem Schulhof in Karlshausen. Seit Jahren werden die dritte und vierte Klasse gemeinsam unterrichtet, vom nächsten Sommer an auch die erste und die zweite. Wie mag es hier in einigen Jahren aussehen? Tja, sagt Bormes, dann sagt er nichts mehr. Aber woran liegt es, dass die Menschen keine Kinder mehr bekommen? Fragen Sie die müden Männer. Die müden Männer von Affler fahren morgens um sechs zur Arbeit und kommen um acht Uhr abends zurück. Sie haben die Landwirtschaft aufgegeben, weil sie in den Städten - in Trier, in Luxemburg - mehr verdienen als auf den Feldern. Nie in der Geschichte war der Lebensstandard in Europa so hoch, nie war die Kindersterblichkeit so niedrig. Einerseits. Andererseits sind die Familien in Affler und überall sonst zwar reicher an Geld geworden, doch sie glauben, ärmer an Zeit zu sein. Die Soziologen sagen: Es gibt heute so viele Verlockungen. Es ist ja nicht nur die Pille - der Wunsch nach Selbstverwirklichung ist auch ein gutes Verhütungsmittel. Die Konservativen sagen: Die Emanzipation ist schuld. Die Ökologen sagen: Die Welt ist krank, sie stirbt, wenn sie keine Zukunft mehr hat.
Auf dem Tisch von Hermann Josef Norta, dem Landpfarrer von Daleiden, liegen dicke Lederbände; Bücher, die Antworten geben sollen. Es sind die Taufbücher und Sterberegister seiner Gemeinden, zu denen auch Affler gehört. Alle seit 1721. Es wurden früher viel mehr Kinder geboren - aber alt wurden sie nicht, sagt Norta: Pocken, Kindstod, Lungentuberkulose. Noch im Jahre 1800 des Herrn lag die Lebenserwartung hier bei 22 Jahren, 1900 bei 40. Nach meinen Berechnungen. Dann ist die Lebenserwartung rasant gestiegen, und deshalb ist die Statistik der vergangenen Jahre ausgeglichen geblieben. 27 Taufen und 33 Beerdigungen hat der Pfarrer seit 1990 gehabt. Aber er weiß, was auf ihn zukommt. Die nächsten zwanzig Jahre werden hart, sagt Norta. Er wird oft auf dem Friedhof sein.
Allerdings gibt es jetzt in Affler eine Grube, die kein Grab ist. Es ist eine Baugrube, und diese Baugrube ist ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zum Bleiben, vielleicht zu einer Familie. In dieser Baugrube oberhalb der Dorfstraße wollen Ralf Theis und Patricia Vernaus ein Haus bauen. Ein neues Haus. Das ist in Affler eine Sensation.
Jetzt ist diese neue Frau im Dorf. Patricia. Das ist aufregend. Zumal sie aus den Niederlanden kommt und eigentlich nur einen Sommer in den Bergen campen wollte. Nun sitzt sie in 420 Meter Höhe, aus dem Urlaubsflirt ist Ernst geworden. Sie ist 26 und wollte eigentlich nie fort aus der Stadt, er ist 28 und will nicht weg aus seinem Dorf. Sie trägt noch den Chic der Stadt, als sei Affler ein öffentlicher Raum, er trägt einen Jogginganzug, als sei Affler ein Wohnzimmer. Er sagt: Wenn man nach Hause kommt, stehen die Leute eben auf der Matte. Sie sagt: Oder gleich im Haus. Dann fragen die Leute: Wie geht's? Und wahrscheinlich schauen sie der jungen Frau auch dauernd auf den Bauch.
(© 2001 Badische Zeitung, Freiburg i. Br. 5. April 2001)

Einordnung
Kategorie:
Geschichte / Ortsname / Ortsgeschichte /
Zeit:
Undatiert
Epoche:
Undatiert

Lage
Geographische Koordinaten (WGS 1984) in Dezimalgrad:
lon: 6.153152
lat: 50.014753
Lagequalität der Koordinaten: Ortslage
Flurname: Ortslage

Internet
http://de.wikipedia.org/wiki/Affler

Datenquellen
Homepage der Verbandsgemeinde Neuerburg und © 2001 Badische Zeitung http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/mantel/seite3/2001/04/se3.3733178.htm


Stand
Letzte Bearbeitung: 07.10.2003
Interne ID: 7119
ObjektURL: https://kulturdb.de/einobjekt.php?id=7119
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